O-Matsuri und Youth Week

Es ist gar nicht zu beschreiben, wie herzlich, warm und freundlich die Atmosphäre bei der Abschiedsfeier der Youth Week der Deutsch-Japanischen Youth Summit in Tokio war. Es wurden Dankesgeschenke ausgetauscht und wieder einige Millionen Fotos geschossen. Ich mit Dir, Du mit mir, wir mit euch, ihr mit uns, ich mit euch, ihr mit mir, wir mit uns, ihr mit euch. Leider habe ich – unverzeihlich – das Abschiedskonzert und den Beginn der Feier verpasst, weil mich Tokio zu lange in seinem Griff gehalten hat. Wie kam das?

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Über Akihabara habe ich ja schon geschrieben. Also habe ich mit einem Freund zusammen am Freitag ein weiteres Mal dieses Viertel (sowie Ikebukuro, welches ebenfalls einem Otaku eine Menge bietet) besucht. Es ist unglaublich. Man mag ja glauben, nach vier Tagen hat man langsam alles gesehen. Ja Denkste. Jedes Haus hat sein dutzend Stockwerke, und wenn man nicht aufpasst, übersieht man gerne mal einen Eingang. In einer Seitenstraße jedenfalls war außerdem grade ein kleines O-Matsuri im Gange, sehr authentisch und sehr fröhlich. Die Menschen tanzten alle zu Trommel und traditioneller japanischer Musik und empfingen uns Gaijins sehr herzlich.

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Bereits am Donnerstag abend waren wir dort extrem aufgefallen, da wir in Anzug und Krawatte sowie alle anderen Japaner überragend nicht zu übersehen waren. So probierten wir jede lokale Spezialität von diversen Fischspeisen bis zu dem berühmten gestossenen Eis mit Sirup. Ich würde dafür sofort jedes italienische Eis links liegen lassen, denn bei der Hitze ist das einfach nicht zu schlagen. Am Interessantesten fand ich die Mischung der Tänzer im Kreis um die Bühne zur Musik: da tanzten blutige Anfänger zusammen mit eleganten, in Kimono gekleideten Mädchen zusammen mit sehr niedlichen, in Kimono gekleideten Kindern zusammen mit einer Meido und einem Schulmädchen in Seifuku. So etwas sieht man nun wirklich nur in Japan.

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So verbrachten wir den Abend auf dem Fest und merkten etwas spät, dass wir noch auf einem Abschiedsfest sein sollten. Dennoch, wir kamen noch rechtzeitig und klitschnass an, so dass wir uns nach einer kurzen Dusche zu besagtem Dinner und Abschiedsfest gesellen konnten. Ich ignorierte also noch etwas länger meine Füße, denn ich habe noch nie im Leben solche Schmerzen gehabt nach 11 Tagen Dauerlauf in Tokio. Es gab jeden Abend nichts schöneres, als sich im kühlen Luftzug der Klimaanlage aufs Bett zu werfen, den Laptop anzuwerfen und die Bilder zu kopieren. Ich darf gar nicht erzählen, dass es nicht nur einmal passiert ist, dass ich erst am nächsten Morgen Laptop und Zimmerlicht wieder ausmachen durfte. Einschlafen nach zehn Sekunden – das soll mir erstmal jemand nachmachen.

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Aber zurück zum besonderen Abend. Das Interessante auf diesem Abschiedsfest von der Youth Week war die Beobachtung, dass die Japaner uns Deutsche weitaus häufiger beschenkten als umgekehrt. Ich hätte irgendwie erwartet, dass jeder der Deutschen mindestens einen Kontakt hat, dem er in irgendeiner Weise dankbar sein müsste.
Schließlich haben sich einige der japanischen Freiwilligen in dieser Woche unmenschlich verausgabt, um uns einen der schönsten Aufenthalte in einem Ausland zu bieten, die man haben kann. Eigentlich hätte der Hauptorganisator der freiwilligen Zusatzevents (wie Abends durch die Kneipen ziehen oder das Baseball-Spiel ansehen) mit Geschenken überhäuft werden müssen. Eigentlich war man darauf vorbereitet, dass man auf Gastgeschenke eine kleine Antwort haben sollte. Naja, ich bin wieder etwas lästig, entschuldigt bitte.

Sehr lieb fand ich die Mädels in meiner Gruppe, die nicht vergessen haben, dass ich am Ende des Youth Summit vor ein paar Tagen die Gastgeschenke für alle vier Japaner sponsern wollte und durfte, weil niemand etwas dabei hatte außer mir. Selbst obwohl wir am Tag davor mehrmals darüber gesprochen hatten. Aber ich kann das ein Stück weit nachvollziehen, denn ich habe mich auch mehrmals gefragt auf dem Weg zur Abschiedsfeier der Youth Week, ob es denn nun richtig ist, den drei japanischen Organisatorinnen etwas zu schenken, obwohl ich nichts wirklich mit Ihnen zu tun hatte. In der deutschen Kultur fragt man sich da gerne schnell mal, ob das nicht aufdringlich und zuviel des Guten ist.

Am Ende zeigte sich aber, dass es goldrichtig war. In Japan ist schenken wirklich nichts, was mit dem Sachwert zu tun hat oder mit der Größe des Geschenkes. Es ist die Art, Danke zu sagen. Ich bin außerdem ganz sicher, die Japaner haben ganz genau zur Kenntnis genommen, wie wir uns verhalten haben. Denn die Tatsache, dass unsere deutsche Hälfte der Youth-Summit-Themengruppe am heutigen Freitag etwas geschenkt bekam, war zum großen Teil eine Antwort und ein Dankeschön für die Geschenke (das „Danke“) des Youth Summit. Natürlich besteht die Kultur aus weitaus mehr als dem Schenken, aber es ist ein Paradebeispiel dafür, wie schwer es ist sich in dieser fremden Kultur zurechtzufinden. Manche haben es mehr im Blut als Andere, aber lernen kann es jeder der sich Mühe gibt.

Trotz aller Widrigkeiten war es also die genialste Woche meines Lebens, die freundlichsten Menschen die ich je kennen gelernt habe (auch auf deutscher Seite) und für alle sicherlich ein einmalig schönes Erlebnis. Das Karaoke habe ich trotzdem geknickt, sonst wäre ich wohl nicht mehr in der Lage am Samstag früh Koffer zu packen und zu meiner Gastfamilie zu fahren. Ich bin gespannt, was die nächsten Tage für mich bereithalten. Ich bin von Japan bisher absolut nicht enttäuscht worden – bis auf die fragwürdige Verfügbarkeit und Preis von Internet und den bekannten Badezeiten, die wir aber inzwischen weitestgehend aufgeweicht haben (Irgendwo auf der Welt ist immer Badezeit… Ich mach doch nicht das ganze Waschbecken nass… Ich habe gestern abend nicht…). Japan ist wirklich das Klischee, das jeder kennt. Nur ist es darüber hinaus noch so viel mehr. Danke an alle Teilnehmer, die sich die Mühe gemacht haben, an diesem Programm mitzuwirken.

Arigato.

Tokio Sightseeing

Heute gibt’s wohl mehr Fotos als Text, denn diese sprechen für sich. Das erste Mal fühlte ich mich nicht hektisch herumkommandiert sondern konnte in die Kultur eintauchen und in einer kleinen Gruppe stressfrei Tokio erkunden. Unser Gruppenleiter führte uns nach Asakusa, wo Schreine und Tempel an die Kultur und Tradition Japans erinnern. Auf mich machte das alles einen sehr touristischen und kommerzialisierten Eindruck, und ich bin sicher den älteren Bewohnern Tokios geht es genauso. Shoganai, würden die Japaner sagen. Dem ist nicht zu helfen. Japan öffnet sich der Welt und muss lernen, damit klug umzugehen.

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Unsere Gruppe besteht ja zur Hälfte aus Japanern und Deutschen. Darüber hinaus haben wir ein sehr breites Spektrum an individuellen Eigenheiten der Teilnehmer. Japaner, die kein Englisch verstehen. Deutsche, die sich nicht so gut an die Kultur anpassen können wie andere. Japaner, die sich sehr typisch japanisch verhalten. Deutsche, die nicht merken, wenn sie den japanischen Gruppenleiter überrumpeln. Japaner, die sich überhaupt nicht japanisch benehmen (die Mehrheit, und eine gefährliche Mischung von kulturellen Stolperfallen).

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Die deutschen Teilnehmer, die sich zu benehmen wissen, mögen mir verzeihen, wenn sie das hier lesen. Ich bin zum Teil schockiert bis angewidert, wie sich manche deutsche Teilnehmer verhalten. Da wird dann einfach mal direkt nach einer Bootsfahrt gefragt, und mehrmals nachgehakt bis der Gruppenleiter einlenkt (und sich später nur mit Hilfe der japanischen Kollegin aus der Schlinge retten kann, um den Zeitplan seiner für uns akribisch vorbereiteten Tour einzuhalten). Und weil er dann wegen uns Trödlern einen Programmpunkt nicht erfüllen kann, muss er sich bei uns entschuldigen.

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Nun, zwischendurch waren wir gemeinsam zu Mittag. Echt genial. Auch wenn unser japanischer Gruppenleiter manchmal den Eindruck machte, als habe er zu viele Schlaftabletten genommen, war er sehr gut vorbereitet. Das Essen fand in einem typischen japanischen Restaurant auf Tatami statt, was für eine sehr unbequeme Sitzhaltung sorgte. Ich konnte dann aber endlich ein kleines Experiment veranstalten. Während sich die Deutschen selbst reichlich bedienten, bis die Kanne mit Wasser leer war, schenkte ich unserer ruhigen und stillen Typisch-Japanerin ein. Wie erwartet wurde mir angeboten, mir nachzufüllen. Es geht durchaus, sich an die Kultur anzupassen, ohne seine eigene Identität zu verlieren. Auch das korrekte Ablegen der Essstäbchen wurde von der Japanerin anerkennend zur Kenntnis genommen. Ich war echt happy, dass das ganze Anime gucken nicht völlig umsonst war. Gut, genug selbst beweihräuchert, es sind eben nicht alle auf dem gleichen kulturellen Wissensstand. Das Foto ist… naja ^^“

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Nach der Diskussion hieß es flott duschen, denn um halb acht ging es weiter zum O-Matsuri, dem alle drei Jahre stattfindenden Festival in Tokio. Leider macht es um 10 Uhr bereits zu, so dass wir nur einen Hauch dessen erhaschen konnten, was uns dort erwartet hätte. Es findet zwar am Sonntag noch einmal statt, aber da hat die DJJG schon einen Arbeitstag angesetzt, das heißt Diskussion und anschließende Präsentationsvorbereitung (Nach einem langen und ausflugreichen Tag).

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Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überraschen, aber ich frage mich, ob wenige Stunden interkultureller Austausch und das Anfertigen einer Präsentation am Sonntag Abend durch vom Reisen müde Teilnehmer so innovativ und zukunftsweisend sein können, wie es der Summit gerne wäre oder wie ihn die DJJG gerne hätte.
Und das nächste Mal: Wieviel Bier verträgt ein Japaner?